Die Unabhängigkeit von Ort und Zeit – wir nennen es Freiheit
Von Christoph Magnussen
Freiheit ist eine großartige Motivationsquelle, um den Sprung ins Unternehmerleben zu wagen. Es ist der Reiz, sich ein eigenes Reich aufzubauen, selbst über Arbeitszeit bzw. -ort zu verfügen oder schlichtweg der Spaß am Gestalten, ohne von ängstlichen Vorgesetzten gebremst zu werden. Trotzdem fällt mir immer wieder auf, wie abhängig viele Unternehmen vom Gründer sind. Das ist fast wie im Straflager – ständig muss man zu Terminen anrücken, Aufgaben wollen sinnvoll delegiert werden, Mitarbeiter müssen motiviert und auf Trab gehalten werden, damit die Arbeit auch wirklich gemacht wird. Selbst wenn man ein ganzes Team an Mitarbeitern und Führungskräften eingestellt hat, die einem das operative Geschäft abnehmen sollen, funktioniert es oft nicht so richtig, wie es soll. Das ist eigentlich nicht die Rolle eines Unternehmers, der dazu da sein sollte “an der Firma und nicht in der Firma zu arbeiten”.
Wie kann man sich also mehr Freiheit erkämpfen?
I. Frei von Ort …
Am einfachsten ist es, sich frei vom Arbeitsort zu machen. Das ist für die meisten schon eine erhebliche Erleichterung. Ich selbst habe mich vor einiger Zeit dazu entschieden, unsere Büros „zu virtualisieren“, damit niemand mehr gezwungen ist, an einen bestimmten Platz zu sitzen, um seine Aufgaben zu erledigen. Das erste Mal habe ich von der Idee des “virtuellen Unternehmens” 2002 im Studium gehört und fand den Gedanken äußerst reizvoll. Es gibt keine Kosten mehr für das Büro, kein lästiges im Stau stehen und keine einsamen Nachtschichten mehr in den öden Gängen eines Großraumbüros nach Feierabend. Wer aber glaubt, stattdessen gemütlich im Schlabberlook kurz nach zehn in den Tag zu starten, der irrt.
Nach meiner Erfahrung sind es zwei Dinge, die beim virtuellen Arbeiten unverzichtbar sind: erstens die richtigen Tools und zweitens die richtige Arbeitstechnik.
Bei den Tools gibt es mittlerweile eine Vielzahl an Anbietern und Lösungen, durch die ein Team spielend leicht zusammenarbeiten kann, ohne dass man gleich einen eigenen IT-Techniker einstellen muss. Um Daten gemeinsam zentral abzulegen oder online zu sichern, kann man beispielsweise auf die Dienste von Dropbox oder JungleDisk zurückgreifen. Eine eigene Mail-, Kalender- sowie Online-Dokumenten- und Tabellenbearbeitung gibt es für kleines oder gar kein Geld bei Google Apps für Unternehmen. Kontakte inkl. Historie und Vertriebsarbeit verwalten Salesforce oder Highrise komplett browserbasiert, so dass ich von jedem Rechner der Welt aus sicher drauf zugreifen kann. Günstig im eigenen Land telefonieren kann man heute bei jedem Mobilfunkunternehmen mit einer Flatrate und wenn man ganz knauserig ist, gibt es ja immer noch Skype. Dann braucht man eigentlich nur noch ein Ferienhaus mit Internetzugang und schon merkt keiner mehr, wo man gerade steckt. Wer nicht glaubt, dass es sich so arbeiten lässt, sollte sich mal die Firma BestBuy in den USA anschauen, die haben einen großen Teil ihrer Mitarbeiter “nach Hause geschickt” und es funktioniert trotzdem mit dem Geld verdienen.
Die besten Werkzeuge bringen aber nicht wirklich viel, wenn die Arbeitstechnik nicht stimmt. Schließlich sind nun alle für sich selbst verantwortlich und müssen ihren Tag selbst organisieren. Dem Einen fällt es leichter, dem Anderen schwerer. Nach einigem Rumexperimentieren haben sich bei uns zwei gute Ideen sehr bewährt:
Es gibt jeden Tag unser Good Morning Meeting (GMM). Ganz egal ob es stürmt, schneit oder ein externer Termin ansteht – jeder nimmt sich die 10 Minuten Zeit. Wir haben deshalb einen Telefonkonferenzraum eingerichtet, in den sich jeder (unabhängig vom Standort) einwählen kann. Damit man drum herumplanen kann, findet das GMM immer zur gleichen Zeit statt, dauert maximal 10 Minuten und hat immer die gleiche Agenda:
- Was gibt es Neues vom Tag/Vortag zu berichten? (Am besten nur gute Neuigkeiten, die sorgen für bessere Stimmung!).
- Was sind meine Top Aufgaben heute und von wem brauche ich Input dazu? (Maximal die Top 5, weiter gehen wir nicht ins Detail. Es geht hier nur um den Überblick.).
- Wo komme ich mit meiner Arbeit nicht weiter? (So weiß jeder, was der andere macht und keiner kann sich mehr dahinter verstecken einfach nur “Facetime” abzusitzen. Es zählen nur noch die Ergebnisse).
Die zweite Sache, die sich enorm bewährt hat, ist unser heiliger Donnerstagabend. Einmal die Woche treffen wir uns abends, um gemeinsam etwas zu unternehmen. Angefangen von rausgehen und ein Bierchen trinken, über einen Opernbesuch und Kart-Fahren, hatten wir schon alles dabei. Schließlich lebt ein Unternehmen auch vom lockeren Austausch der Mitarbeiter untereinander. Und solange wir uns nicht selbst per E-Mail verschicken können, kann auch kein Video-Konferenz-Tool einen lustigen Abend ersetzen. Man kann auch tagsüber dafür sorgen, dass der “Flur-Talk” nicht ganz verloren geht, indem man einen festen Meeting-Tag pro Woche vorsieht. Dank der zahlreichen Tagesbüros und -meetingräume, geht das auch ganz ohne eine eigene Firmenzentrale. Was die beste Lösung für einen selbst ist, sollte man einfach mal ausprobieren.
II. … und Zeit
Um wirklich frei zu sein, muss man neben der Unabhängigkeit vom Ort auch die Unabhängigkeit von der eigenen Arbeitskraft erlangen. Also quasi Geld verdienen, ohne dabei beim Kunden zu sitzen, Vorträge zu halten oder selbst an Präsentationen zu schrauben bzw. E-Mails abzuarbeiten. Das ist so etwas wie der Heilige Gral des Unternehmertums oder besser noch das Perpetuum mobile unter den Geschäftsmodellen. Als Idealzustand schwierig zu erlagen, sollte es dennoch von jedem Unternehmer angestrebt werden.
Das kann man erstmal nur mit einem ordentlichen Geschäftsmodell hinbekommen. Also sollte man sich intensiv Gedanken machen und genügend Zeit nehmen, statt allzu schnell loszuschießen. Eine nette Idee ist noch kein funktionierendes Geschäftsmodell und das nächste Google gründen zu wollen, um dann durch Werbung Geld zu verdienen, ist keine sehr erfolgsversprechende Idee. Mein Kunstlehrer in der Schule hat einmal etwas sehr Brauchbares dazu gesagt (das ist mir erst später klar geworden, da er nämlich sonst sehr wenig brauchbare Sachen gesagt hat): „Und ist der Handel noch so klein, er bringt doch mehr als Arbeit ein.“ Egal wie hoch mein Stundenlohn nämlich ist, bin ich immer durch meine, mir zur Verfügung stehende, Zeit nach oben begrenzt.
Eine weitere Möglichkeit, sich selbst „überflüssig“ zu machen ist es, die eigene Arbeit so weit es geht zu automatisieren. Also alles, was man nicht selbst tun muss (oder will) auszulagern, und alles andere weitestgehend zu standardisieren. Im Idealzustand braucht man nur noch ab und an reinschauen, ob noch alles läuft. Was heißt das konkret? Das kann heißen, dass man Support-Anfragen von Kunden nach Möglichkeit über FAQ oder Antwortvorlagen bearbeitet oder seinem Steuerberater auf einer DinA4 Seite erläutert, wie und wo man die Belege scannt und online ablegt, anstatt sie mühsam mit der Post zu schicken, bis hin zu Kunden, bei denen man die Einzugsermächtigung auf den gleichen Tag legt, um nur noch einmal im Monat die Einzüge überprüfen zu müssen. Das alles spart viel Zeit und Geld. Will man noch weitergehen, kann man auf dafür sorgen, dass die Dienstleister einige Probleme direkt besprechen, statt die Kommunikationsflut über uns laufen zu lassen. Angenommen ich habe eine Hausverwaltung und damit viele Mieter, die anrufen wenn es Probleme mit der Heizung, der Elektronik oder im Garten gibt, dann könnte ich mir ein virtuelles Sekretariat zulegen, das die Gespräche für mich annimmt. Trotzdem muss ich die Anfragen der Mieter an die Handwerker weitergeben, was wieder Zeit kostet. Nun könnte ich aber auch eine Liste mit immer wieder auftretenden Problemen an mein virtuelles Sekretariat weitergeben und dazuschreiben, welcher Handwerksdienst bei welchem Auftrag anzurufen ist. Und schon habe ich Luft, um mich um wichtigere Dinge zu kümmern, zum Beispiel, wie ich als Hausverwalter ein Geschäftsmodell schaffe, bei dem ich selbst überflüssig bin und nicht vor Ort sein muss.
Es ist definitiv möglich, unabhängig von Ort und Zeit zu arbeiten und sich dadurch mehr Freiheit zu erkämpfen. Sich frei von dem Zwang und Glauben zu machen, dass nur harte, zeitintensive Arbeit im dunklen Kämmerlein Erfolg bringt, “weil es immer schon so gewesen ist “- das muss jeder für sich selbst angehen.
Kommentare gerne über Facebook oder Twitter. Wer noch mehr Lust auf das Thema hat, hier sind ein paar Unternehmer, die frei von Ort und Zeit arbeiten. Von denen kann man sich ein paar Tricks abschauen: Nikolas Berggruen, Richard Branson, Tim Ferris, Kevin Rose, Jason Fried.
