Es heißt „Nutze den Tag“ nicht „Laufe im Kreis wie ein kopfloses Huhn“
Beitrag von Christoph Magnussen. Foto von apl_d200 / photocase.com
Der gute alte Leitspruch „Carpe Diem“ ist zwar schon etwas abgedroschen, jedoch ich bin der Meinung, dass er viel zu oft völlig achtlos verwendet wird und somit ein paar Gedanken verdient hat.
In Zeiten von Termindruck, Dauerstress und globalen Projekten interpretiert der fleißige Manager von heute dieses Motto so, dass der Tag vom Aufstehen bis zum Abendessen durchoptimiert werden muss, um im Kreise der Kollegen die nötige Anerkennung zu finden. Das heißt morgens der erste im Büro, abends der letzte und dazwischen jede Sekunde effizient genutzt. Kurz gesagt halte ich das für die totale Fehlinterpretation.
Den Tag zu nutzen, sich bewusst auf hier und jetzt zu konzentrieren kann nämlich auch bedeuten, Müßiggang und kreatives Nichtstun zuzulassen. Und das gilt nicht nur für Künstler und Philosophen. Gerade Unternehmer, die nach neuen Ideen oder ungeahnten Lösungen suchen, sind gut damit beraten, nicht völlig der protestantischen Arbeitsethik zu verfallen. Wer das für sich erkannt hat, kann viel Potenzial freisetzen und seine Zeit wirklich sinnvoll für die eigenen Lebensziele nutzen, statt nur kopflos Stunden, Tage und Wochen zu optimieren.
Die gesellschaftliche Anerkennung von Geschäftigkeit
Nicht ganz unwichtig in diesem Zusammenhang ist die mittlerweile gesellschaftlich weit verbreitete Anerkennung von Geschäftigkeit – egal welcher Art. Die Regel lautet: wer viel zu tun hat ist wichtig und damit erfolgreich. Er macht quasi Karriere. Scheinbar haben wir alle ein sehr klares Bild davon, wie Karriere aussehen muss und akzeptieren es: die ganze Woche Termine, möglichst viel unterwegs und wer die meisten Meilen sammelt steht auf der Kollegenrangliste ganz oben. Im Büro gehören „Wochenendschichten“ zum Alltag und wer noch keinen „Allnighter“ hinter sich hat (also eine Nacht durcharbeiten) ist ein Weichei.
Selbst bei weniger ausgeprägten Extremen ist diese Einstellung absoluter Irrsinn. Dennoch machen wir uns Druck und bekommen ein schlechtes Gewissen sobald wir nicht mit etwas „beschäftigt“ sind. Das führt dazu, dass es oft wichtiger ist irgendwas zu machen, als etwas Durchdachtes bzw. Sinnvolles zu tun.
Das Leben ist nicht der Lebenslauf
Ein weiterer Punkt, der eigentlich gar nicht so schwer zu begreifen, aber nicht so leicht in die Praxis umzusetzen ist, ist die Fähigkeit, sich ganz auf hier und heute zu konzentrieren. Immer häufiger wird das Leben im Voraus geplant und für die nächste Bewerbung mit einem Eintrag im Lebenslauf festgehalten werden. Wie oft hört man „Ich mache das für meinen Lebenslauf“ oder „Das würde nicht gut in meinem Lebenslauf aussehen“. Wie bitte?! Das Leben ist doch nicht unser Lebenslauf! Zwischen „gestern“, das wir bereits hinter uns haben und „morgen“, das wir nie voraussehen werden können, liegt eben heute. Der heutige Tag, die jetzige Stunde, genau diese Sekunde. Das ist die einzige Zeit in der wir arbeiten und vor allem tatsächlich leben können. Wer aber nur auf seinen Lebenslauf achtet, lebt gestern bzw. versucht irgendwie für morgen zu leben. Abgesehen davon, dass es enorm stressig ist, vernebelt es vollständig den Blick für gute Arbeitsleistung, da man stets bei der nächsten Aufgabe ist.
Richtig erfolgreiche Menschen besitzen die Fähigkeit, sich auf hier und jetzt zu konzentrieren. Zum Beispiel konnte sich John D. Rockefeller mit voller Hingabe auf seine Zahlen und damit sein Geschäft konzentrieren. Das konnte er so viel besser als andere, dass er bereits mit Ende Zwanzig ein reicher Mann war. Oder Albert Einstein, der sich so sehr in seine Berechnungen hineinarbeiten konnte, dass er Essen und Schlafen vergessen hat.
Aber es gibt eben auch Momente in denen es darum geht, einfach nur zu entspannen und ohne Arbeit ganz bei sich zu sein. Wer in diesen Momenten ständig schon beim nächsten Tag oder bei der nächsten Woche ist, wird nie die Chance haben, mit einem klaren Kopf und frischen Ideen an eine Aufgabe zu gehen.
Drang nach sichtbaren Ergebnissen
Ich kenne es selbst nur allzu gut, wenn ein Tag zu Ende geht und man das Gefühl hat, dass heute kein Ergebnis oder zumindest kein erkennbares Ergebnis zustande gekommen ist. Hat man zum Beispiel noch nichts verkauft, versucht man krampfhaft noch ein letztes Verkaufsgespräch zu führen und dem potenziellen Kunden sein Produkt aufzudrücken, statt zu akzeptieren, dass heute nicht der richtige Tag ist.
Dabei ist es eigentlich nicht wichtig, ob ein einzelner Tag gut oder schlecht war. Erst die Gesamtsumme am Ende entscheidet. Auf dem Weg zum Siegertreppchen und zur großen Champagner-Dusche liegen eben ein paar Zwischenabschnitte für die wir akzeptieren müssen, dass es auch solche mit höherem Schwierigkeitsgrad gibt. Vielleicht merken wir später, dass wir gerade durch einen vermeintlich schlechten Tag eine wichtige Erfahrung machen konnten, die uns später geholfen hat. Wir sollten uns von dem Zwang befreien, dass jeder Tag sofort in Zahlen messbar erfolgreich sein muss, denn das entzieht uns positive Energie und lässt uns das große Ziel aus den Augen verlieren.
Erfinder wie Edison oder Dyson sind einige tausend Male gescheitert, ehe ihre Erfindungen auf den Markt gekommen sind. Und die beliebten Post-it Notizzettel haben 11 Jahre gebraucht, bis die Menschheit (und auch die Vorgesetzten des Erfinders Arthur Fry bei 3M) begriffen haben, was man Gutes damit anstellen kann und sie ihren Siegeszug auf den Schreibtischen auf der ganzen Welt antreten konnten. Was ist da schon ein Tag?
Die Krankheit Multitasking
Irgendein schlauer Zen-Meister hat mal gesagt „Wenn ich gehe, dann gehe ich und wenn ich stehe, dann stehe ich.” – Genügt das nicht? Im Gegensatz dazu sind wir heute spezialisiert darauf, erstaunlich viele Dinge parallel zu bewältigen (oder glauben zumindest, dass wir es könnten). E-Mails mit der einen Hand schreiben während die andere Hand gerade am Handy ist, ist eine besonders beliebte Tätigkeit. Es ist schon erstaunlich wenig respektvoll, das Klackern der Tastatur durch das Telefon zu hören, während uns gleichzeitig mit einem verständnisvollen „Mmmmh“ geantwortet wird.
Dabei ist uns doch klar, dass wir nicht zwei Dinge gleichzeitig machen können und auch noch erwarten dürfen, gute Ergebnisse abzuliefern. Kein Mensch kann beispielsweise mit zwei Stiften gleichzeitig schreiben oder zwei Texte gleichzeitig lesen – wozu auch. Genauso wenig wie man im Urlaub abschalten und parallel ein paar E-Mails beantworten kann. Wenn man gerade mit Nichtstun beschäftigt ist, sollte eigentlich keine Zeit für andere Dinge bleiben. Obwohl solche Momente ausgekostet werden sollten, haben viele von uns ein schlechtes Gewissen, da scheinbar der Rest der Welt am Arbeiten ist (oder zu mindest so tut). Und sind wir dann wieder zurück im Büro, ist es das Gleiche. Wir arbeiten an einer Aufgabe und haben dabei ständig das Gefühl, dass wir ein anderes Projekt vernachlässigen. Abgesehen davon, dass das am Ende schlecht für beide Aufgaben ist, erzeugt es vor allem Stress im Kopf, den wir uns sparen könnten und den kopflosen Hühner überlassen sollten, die sonst so im Büro auf- und ablaufen.
Venedig in Bildern
Nun gönnt man sich dann doch endlich eine Auszeit, sucht sich einen inspirierenden Ort mit genügend Abstand vom hektischen Alltag, um dann gleich wieder in die „Ich-nutze-jede Sekunde-effizient“ Falle zu verfallen.
Wer einmal im Sommer in Venedig war, wird dieses Phänomen besonders in Erinnerung behalten haben. In das 270.000 Einwohner kleine Lagunenstädtchen fallen jedes Jahr 16 Millionen!!! Touristen ein. 99% von ihnen aufgerüstet mit dem neuesten digitalen Foto-Equipment und genügend Speicherkarten, um ganz Italien zu kartographieren.
Ein erstaunliches Phänomen: fast kein Tourist geht mehr durch die Stadt und versucht den Moment auf sich wirken zu lassen. Einfach die wunderschöne Architektur und die spezielle Atmosphäre an den Kanälen genießen. Nein – es muss jede Brücke, jeder Gondolieri, jeder kleine Palazzo fotografiert werden – völlig egal wie viele Fotos von der Stadt schon existieren bzw. man selbst schon gemacht hat. 1000 Bilder an einem Wochenende sind da keine Seltenheit.
Ich glaube es ist weniger der Drang nach Anerkennung, am Ende des Urlaubs den Freunden zeigen zu können, wo man überall war, als vielmehr die Hoffnung, diesen schönen Moment bloß irgendwie festhalten zu können. Dabei ist es eigentlich sonnenklar, dass wir diesen Moment heute hier und jetzt nicht festhalten können – egal wie viel Millionen Megapixel unsere Kamera hat. Er wird vorbeigehen. Wir können ihn nur genau jetzt nutzen.
Sollte sich also wieder mal jemand mit einem väterlichen “Nutze deine Zeit sinnvoll mein Sohn!” zu Wort melden, so können wir mit gutem Gewissen und in aller Ruhe antworten “Tue ich doch grad!” bevor man die Füße wieder zurück auf den Tisch legt. “Eine gewisse Anzahl von Müßiggängern ist notwendig zur Entwicklung einer höheren Kultur.” wusste schon Miguel de Unamuno. Na wer hat denn da keine Lust dran mitzuarbeiten?
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