Entrepreneurship: Vorsicht Suchtgefahr!
Beitrag von Christoph Magnussen. Empfehlungen über Facebook. Foto von brombeerblatt/photocase.com
Son, why don’t you get a job?
Man arbeitet Nächte und Wochenenden durch, quält sich lange mit Gehältern rum, die anderswo als nicht zumutbar gelten (wenn man überhaupt eines bekommt) und erntet mitleidige Blicke, wenn man schon wieder den Städtetrip mit den alten Freunden absagen muss, weil man nicht kann oder kein Geld hat. Wer nicht schon einmal selbst Unternehmerluft geschnuppert hat, kann es kaum nachvollziehen, dass man trotz aller Hürden dieses Leben auf sich nimmt, anstatt einen “normalen” Job anzunehmen.
Die Erklärung ist in den meisten Fällen recht simpel: Unternehmer können es einfach nicht lassen. Sie wollen schlichtweg Unternehmer bleiben. Sie wollen keinen Chef, niemanden nach Urlaub fragen müssen, keine Anträge für neues Büromaterial stellen und selbst die Verantwortung für ihre Entscheidungen tragen. Daher ist es auch kein Job, den man einfach kündigen kann. Es ist mehr eine Einstellung, mit der man auch in schlechten Zeiten leben muss und will. Morten Lund hat es unter dem Statement: “I’m an Entrepreholic, I just can’t stop doing it.” sehr schön zusammengefasst.
Aber der Drang nach der Unabhängigkeit des Unternehmerdaseins kann auch sehr schnell in einen Zwang umschlagen. Man will unbedingt Unternehmer sein und blendet Optionen links und rechts des Weges aus. Klar ist es wichtig, sich auf sein Ziel zu fokussieren und konsequent dranzubleiben, jedoch sollte es nicht in negativen “Entrepreholismus” umschlagen. Boomende Gründerphasen wie Ende der 90er die Internet-Bubble oder auch immer wieder kleine Hochphasen in den Gründerszenen führen zu etwas, was mit der Zeit der Goldfunde in Kalifornien im 19. Jahrhundert zu vergleichen ist: dem Goldrausch.
Die Goldsucher zu der Zeit hatten nichts weiter im Kopf, als den nächsten Nugget zu finden. Gespräche in den Kneipen, natürlich der Arbeitsalltag und auch die Freizeit – alles richtete sich darauf aus. Ganze Städte wurden damals aus dem Boden gestampft und sind später zu Geisterstädten verkommen. So sehr dieser Rausch ganze Regionen dennoch belebt hat – Kalifornien lebt ja heute noch vom Mythos des „American Dream“ – so wenig haben die Goldsucher ernsthaft davon profitiert. Die meisten sind mit leeren Händen nach Hause gegangen bzw. haben ihren Lebensabend in Armut verbracht. Der Rausch hat sie blind und taub gemacht, denn es gab durchaus Möglichkeiten, um in dieser Zeit viel, sehr viel Geld zu verdienen. Eine Handvoll Geschäftsmänner haben in der Zeit erkannt, dass sie nicht das Geld durch die unkalkulierbare Goldsuche machen, sondern vor allem mit dem kalkulierbaren Verkauf von Werkzeugen und auch Zugtickets nach Kalifornien an die Goldsucher. Also mit Dingen, die jeder Goldsucher brauchte, um seinen Traum vom schnellen Geld zu leben. Sie hatten einen klaren Blick auf die Dinge und haben sich nicht verführen lassen.
Gerade die Internet Startup-Szene hat durchaus ein paar Parallelen. Es gibt sehr viele, die hoffen ein nächstes Youtube, Napster oder gar Facebook zu gründen und durch einen schnellen Exit für den Rest des Lebens ausgesorgt zu haben. Auch wenn es nur wenige zugeben würden, so ist das doch ein häufiges Gründungsmotiv und ja auch durchaus legitim. Man darf nur nicht vergessen, dass es wahrscheinlicher ist mit einem riesen Goldfund reich zu werden, als durch den Verkauf des nächsten Youtubes. Zumal wirklich niemand weiß, was “The Next Big Thing” sein wird.
Genau dieser Traum ist es aber, mit dem junge Gründer starten und dabei Gefahr laufen, sich zu verrennen. Man macht allzu große Zugeständnisse gegenüber Investoren, um schneller Geld zu bekommen. Man gibt zu viele Anteile ab oder nimmt nur so halbwegs passende Mitgründer mit rein, nur um schneller zu sein als der Wettbewerber, weil man glaubt, der Markt vertrage nur ein Unternehmen. Oder noch schlimmer: man verfolgt eine “tote” Geschäftsidee weiter und verdrängt dabei die Realität, ohne die viele Möglichkeiten am Wegesrand überhaupt wahrzunehmen. In allen Fällen gibt man das ab, was das Unternehmersein im Kern ausmacht, nämlich die Freiheit selbst zu entscheiden und damit Neues zu erschaffen ohne nach Vorgaben von Investoren oder Druck aus dem Markt handeln zu müssen.
Der zweite Nachteil eines solchen Rausches kann auch erfahrenere Gründer treffen und äußert sich darin, dass man nur noch das Ziel allein im Auge hat und keine Freude mehr für das empfinden kann, was man tagtäglich erlebt. Das ist schon sehr bitter, vor allem wenn man bedenkt, dass man als Unternehmer selbst entscheidet, mit wem man wo und wie arbeitet oder vor allem, wie die Unternehmenskultur und -struktur aussehen soll. Es zwingt uns ja niemand dazu und trotzdem haben viele Unternehmer nicht nur ein paar Tage, sondern lange Phasen oder gar Jahre in denen sie sich ins Büro quälen und mit Mitarbeitern, Partnern und Kunden arbeiten, mit denen die Arbeit einfach keinen Spaß macht. Ich will damit ja nicht sagen, dass man die Flinte ins Korn werfen soll, um Gottes Willen, vor allem dann nicht, wenn es in der Firma gut läuft. Wenn es aber in der Firma nicht gut läuft und man auch keinen Spaß am eigenen Unternehmen hat, sollte man sich ernsthaft überlegen, was man da tut und ob es nicht schlauer wäre einmal ein wenig Abstand zu gewinnen, anstatt mit eiserner Miene weiterzulaufen.
Es gibt aber auch gute Seiten, sich an der Droge Entrepreneurship zu berauschen. Einmal genascht weiß man, wieviel Kraft es freisetzen kann für sich selbst und sein eigenes Ziel zu arbeiten. Etwas zu erschaffen, dass vorher nicht da war, anderen Menschen Arbeit zu geben oder schlichtweg ein Team mit nicht mehr als einer Vision loslaufen zu lassen, um eine Idee zu verwirklichen. Das sind unglaubliche Momente. Ohne die Sucht danach würde es wohl kein Unternehmer schaffen, die Kraft freizusetzen, um gegen jegliche Widerstände ein neues Produkt auf den Markt zu bringen oder gegen jegliche Kritik aus dem engsten Freundeskreis zu bestehen, weil man als einziger von einem innovativen Konzept überzeugt ist. Die Droge Entrepreneurship setzt Leidenschaft und den Drang frei, es immer wieder zu versuchen. Gott sei Dank. Denn ohne diesen Rausch würde es Erfindungen, wie den Gummireifen aus Kautschuck (die Vulkanisation von Charles Goodyear), elektrisches Licht bzw. das Telefon (Thomas Edison) und viele andere Dinge, die uns heute umgeben gar nicht geben. Erfinder wie Dyson, Industrielle wie Friedrich Krupp I. oder Henry Ford, aber auch Künstler wie die ersten Impressionisten, die gegen viele Widerstände für ihre neue Malweise gekämpft haben, verspürten diese Leidenschaft, sonst hätten sie auf dem Weg aufgegeben. Entrepreneurship kann wie Adrenalin wirken und ungeahnte Kräfte freisetzen, die uns Großes erschaffen lassen. In einer Phase in der viele nur den Nebel sehen und Angst haben, sich zu verlaufen, geht ein Unternehmer voran und gibt den Weg vor. Bei klarer Sicht kann das jeder.
So hat die Droge Entrepreneurship sehr gute und schlechte Seiten, die jeder für sich selbst abwägen muss. Geht man mit ihr nicht richtig um, so kann man in einen Rausch gezogen werden, der in einer Sucht endet, die nicht glücklich macht. Dann braucht man eine gescheite Entziehungskur.
Setzt man sie aber richtig ein, beflügelt sie uns, um Großes zu vollbringen.
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